Was verbindet Metelen mit Mailand ?

Antwort:  Der aus dem Keltischen stammende Ursprungsname:  Mediolan(i)um.

 

 

In der letzten Septemberwoche 2010 erschien in der Borkener Zeitung ein Artikel „2000 Jahre Borken?“, in dem im Rückgriff auf eine SPIEGEL-Information über „Google Earth in der Antike“  darüber gerätselt wird, ob das heutige Borken mit dem von Ptolemäus in seiner „Geographia“ genannten Mediolanium identisch ist. Claudius Ptolemäus (gestorben um 175 nach Christus) war ein Universalgelehrter ( Mathematiker, Geograph, Astronom, Astrologe, Musiktheoretiker und Philosoph), der an der berühmten antiken Bibliothek in Alexandria arbeitete und auf Griechisch schrieb, wie es damals im oströmischen Reich üblich war. Die im Kreis Borken arbeitenden Archäologen sind eher skeptisch, ob Borken auf eine Ansiedlung namens „Mediolanium“ zurückzuführen ist. Aber gefragt wird, ob das ähnlich klingende „Metelen“ gemeint sein könnte. Dieser Hinweis hat mich, der ich mich  für den Heimatverein Metelen mit Regionalgeschichte beschäftige und einen entsprechenden Arbeitskreis „Kulturraum Scopingau“ mit leite, neugierig gemacht. In den letzten zwei Wochen habe ich die Hintergründe dieses Hinweises in der Borkener Zeitung recherchiert und bin auf hochinteressante Hypothesen gestoßen. Regionalhistoriker arbeiten immer mit Vermutungen, für die es mehr oder weniger gute Gründe gibt.

 

 

Meine Ergebnisse sind:

(1)  Vor ein paar Wochen ist das Ergebnis der „Entschlüsselung von Ptolemaios 'Atlas der Oikumene' als Buch mit dem Titel „ Germania und die Insel Thule“ in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (Darmstadt 2010) veröffentlicht worden; Autoren sind Andreas Kleineberg, Christian Marx, Eberhard Knoblauch und Dieter Lelgemann. Mit Hilfe eines neuen Verfahrens der „geodätischen Deformationsanalyse“ sind sie in der Lage, die 6300 Orte und topographischen Punkte (wie Flussmündungen oder Berge), die Ptolemäus in seiner Geographia koordinatenmäßig festlegt (auch für „Germania magna“ außerhalb der römischen Provinzen), maßstabsgetreu in heutige Koordinaten umzurechnen. Von Ptolemäus sind uns keine Karten überliefert – das geschah erst im ausgehenden Mittelalter -, sondern, da er auch Mathematiker war, hat er ein eigenes Koordinatensystem für diese Orte entwickelt, das wir aus Handschriften ab dem 13. Jahrhundert kennen. Er selbst war nie in Germanien, hat sich aber von Händlern und Soldaten berichten lassen. 

 

(2) Im oben genannten Buch heißt es auf S. 45/46 u.a.: „Mediolanium (griech. Mediolanion): Die entzerrten antiken Koordinaten von Mediolanium führen zu der auf einer Fläche von 23.000 m/2 ergrabenen Händlersiedlung“ von Borken, die schon im 2. Jahrhundert bestanden haben könnte. Auffallend ist allerdings das Erscheinen des keltischen Ortsnamens Mediolanium im Münsterland. Der keltische Ortsname zeigt sich jedoch häufiger z.B. als antiker Name der französischen Städte, in Mediolanium/Mailand sowie in einem weiteren Mediolanium im Südosten von Germania Magna. Der Ortsname enthält als ersten Bestandteil das keltische Wort für „Mitte“, die Bedeutung des Elements -lanum ist nicht geklärt. KRAHE und SCHÖNE (wohl Schöning gemeint) setzen wohl aufgrund der Ähnlichkeit beider Namensformen, Mediolanium mit Metelen (Kreis Steinfurt) gleich. Metelen liegt an der Vechte, die Ptolemaios vermutlich als Vidrus bekannt war. Nach Analyse der antiken Koordinaten könnte eine Identifizierung von Mediolanium mit Metelen ebenfalls in Frage kommen. (Hervorgehoben von mir).

 

(3) Der letztere Befund ist nicht neu, aber m.E. in Metelen bisher unbekannt. Bei Hans Krahe (Sprache und Vorzeit. Europäische Vorgeschichte nach dem Zeugnis der Sprache, Heidelberg 1954) heißt es auf S. 126:“Medio-lanum „Ort mitten in der Ebene“...ist nicht nur die Grundlage des heutigen Milano „Mailand“ in Italien, sondern auch von Medelingen bei Neumagen an der Mosel und von Metelen im nördlichen Westfalen.

 

(4) Wie vertragen sich diese Aussagen mit dem bisherigen Wissen? Reinhard Brahm, Archivar in Metelen, weist in seinem Stiftsführer „Damenstift Metelen“ (Dezember 2007) mit Recht darauf hin, dass der Name des Klosters „erstmals in einer Urkunde von 993 als Lagebezeichnung „de loco matellia“ (bei der Gerichtsstätte)“ erscheint (S.6) Und er fährt fort: “Durch Vokalaufhellung wurde aus der latinisierten Form matellia der heutige Ortsname Metelen.“ Dieser letzte Satz ist nach den obigen Befunden in Frage zu stellen.

 

(5) Die Stiftungsurkunde des Klosters vom 16. August 889 kennt keinen Ortsnamen, sondern Frau Friduwi, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem sächsischen Geschlecht der (frühen) Billunger stammt (vgl. T. Tschuschke, Die Billunger im Münsterland, in: Quellen und Studien zur Geschichte Vredens und seiner Umgebung, Vreden 1990), und die ihr gesamtes Erbgut König Arnulf überträgt, um auf diesem Grund ein Kloster zu errichten. (Vgl. zur Übertragungsproblematik „Stiftung oder Eigenkirche?“, bezogen auf die Urkunden aus Metelen von 889 und vor allem 993, neuestens Claudia Moddelmog, in: Gestiftete Zukunft im mittelalterlichen Europa, hrsg. von W. Huschner und F.Rexroth, Berlin 2008). Nichts spricht dagegen, dass an diesem Ort bereits seit längerem eine Siedlung existierte.  

 

(6) Sowohl Ptolemäus als auch Tacitus (in seinen Annalen) kennen den Fluss, an dem das heutige Metelen liegt: die Vechte (lat.: Vidrus fluvius; griech.: Quidros potamos). Die Vechte fließt zwischen den schon zu römischer Zeit bekannten und benutzten Flüssen Rhein bzw. Ijssel und Ems. Sie war übrigens bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest bis Nordhorn schiffbar und hatte einen direkten Zugang zur Nordsee. Unzweifelhaft benutzten die Römischen Legionen diese Flüsse bei ihren „Expeditonen“ in das unbefriedete Germanien. Es spricht einiges dafür, dass Mediolanium an einer Vechte-Furt lag, die von Römischen Truppen wie von Händlern benutzt wurde, um von der Ems (Rheine) nach Xanten bzw. Nimwegen zu gelangen.  

 

(7) Auch meine letzte Überlegung ist keine reine Spekulation: von Tacitus, dem römischen Geschichtsschreiber (gest. nach 117 n.Chr.) wissen wir, dass es im Jahr 15 n. Chr.die Schlacht an den Pontes longi zwischen germanischen Streitkräften unter Arminius und den römischen Truppen unter Aulus Caecina Severus gab. In diesem Zusammenhang war Caecina (unter dem Oberbefehl des Germanicus) gezwungen, sich mit     einem Teil der Legionen von der Ems kommend nach Xanten (ins Vetera Castra) oder nach Novimagnus (Nimwegen) zurückzuziehen. Ein Blick auf die Karte zeigt: er muss bei seinem Rückzug die Vechte-Furt überquert haben.

 

Mit den oben dargestellten Begründungen vermute ich, dass Metelen weit vor der Klosterstiftung im Jahr 889 bereits als Siedlung an der Vechte-Furt existierte und Händler wie Soldaten die Überquerung der Vechte bei Mediolanium, einem Ort mitten in der Ebene, nutzten. Weitere schriftliche Quellen halte ich für unwahrscheinlich und für die germanische Zeit für unmöglich.

Aber Karl der Große wird – 700 Jahre nach Ptolemäus – diesen Weg vom Rhein über die Vechte zur Ems (also nördlich der Lippe) auch noch gekannt und benutzt haben . Und die Billunger konnten in den sächsischen Gauen entlang dieser „Straße“ ihren Einfluß stärken, auch, indem sie zu ihrem Gedächnis (zu ihrer memoria) Frauenklöster gründeten: von Vreden über Metelen bis Borghorst.

 

Dr. Jürgen Schmitter, Metelen

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19. Oktober 2010

 

 

P.S.

Freundlicher- und dankenswerterweise hat Herr Brahm, unser Archivar in Metelen, auf meine Hypothesen sofort reagiert und mich darauf hingewiesen:

 

 

(1) dass Bernhard Hegemann auf Seite 6 seines Buches „Stift und Gemeinde Metelen. Geschichtliche und heimatkundliche Beiträge in Einzelbildern“, Teil I. Stift Metelen, 2. unveränd. Auflage mit einer Einleitung von R. Brahm, Metelen, Januar 1992, schreibt: „Im Anfang des 2. Jahrhunderts erscheint auf einer Karte des Ptolemäus der im Lande der Brukterer gelegene Ort Mediolanum, den der Forscher Ledebur für Metelen an der Vechte hält“. Reinhard Brahm ist davon überzeugt, „dass diese Sicht sehr gewagt ist“. Und er schlägt weiterhin für die Ableitung des Namens Metelen vor: „ahd mathel – lat. matellia – Metelen“. Damit beruft er sich auf das Zitat „de loco Matellia“ aus der Kaiserurkunde vom 25. Januar 993. Auch Hegemann (a.a.O.S.6) versteht m.E. mit Recht matel/matellia als „Versammlungsplatz/Gerichtstätte, aber ob dies der Ursprung des heutigen Namens (erstmals 1310) ist, bleibt für mich – unabhängig von Ptolemäus unsicher; denn auch Hegemann erwähnt, dass unser Ort um 1202 wieder „Metelon“ geschrieben wird.

 

(2)Den Wert der neuesten „geodätischen Deformationsanalyse“, mit der auch der Ort „mediolanion“, der als Name bei Ptolemäus öfter unter den 6300 Fixpunkten vorkommt (eben auch als Herkunftsname für das heutige Mailand), will ich nicht unterschätzen. Auch Hans Krahe (Sprache und Vorzeit, Heidelberg 1954, S.126) verweist auf „Metelen im nördl. Westfalen“ und A. Schöning (Germanien in der Geographie des Ptolemaeus, Detmold 1962, S.118) kennt Metelen, Kreis Steinfurt, auch wenn er irrtümlicherweise (?) Metelen dem Rheinland zurechnet.

 

(3)Sicher stimme ich mit R. Brahm überein, wenn ich eine „Kurzinformation über Metelen“ aus dem Jahre 2006  für irrig halte, in der gesagt wird, das Kloster sei die „Urzelle“ Metelens. Der Ort verdanke seine Entstehung dem 889 gegründeten Frauenkloster. Die Siedlung ist sicher älter als das Kloster, wofür auch der vor zwei Jahren aufgefundene Kastenbrunnen im Areal des Stiftsgebäudes spricht, dessen Reste sorgfältig von Herrn Brahm geprüft und dokumentiert wurden.

 

(4)Grundsätzlich ist zu bedenken, dass die Germanen/Sachsen vor der Christianisierung keine schriftliche Überlieferung kennen und daher keine neuen Quellen zu erwarten sind. Aber vielleicht wird klarer, warum in den Gauen (z.B. im pagus scopingus) des 9. und 10. Jahrhunderts adelige Frauenklöster gegründet wurden: sie wurden nicht in die Wildnis gesetzt, die gerodet werden musste, sondern mitten in den Siedlungen entlang der alten Römerstraßen und an den Furten der Flüsse (z.B. der Vechte), um das Totengedenken der adeligen Geschlechter (memoria) wach zu halten, um den zunächst instabilen Christianiserungsprozess voranzutreiben und sich vor der zunehmenden Einflussnahme durch den Bischof von Münster zu schützen. Und wer konnte das besser als die schriftkundigen, gelehrten adeligen Frauen (z.B. der Billunger)?